398 Jahre Karneval in Blankenheim

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„Juhjah, Kribbel en dr Botz“

 Von GUDRUN KLINKHAMMER  07.02.2005

Die Schrecksekunde kam am Kreisel. Aber der Reihe nach. Der Geisterzug in Blankenheim stand am Samstagabend auf meinem Dienstplan. 

BLANKENHEIM. Gehört hatte ich davon schon einiges: Tausende von Gästen, kaum Parkmöglichkeiten und bei allen viel „Kribbel in de Botz“. Doch, wie bei so vielem: Dabeisein ist alles, erst dann lässt sich mitreden. Um überhaupt mal eine Peilung zu erhalten, was einen echten Geist so ausmacht, rief ich im Touristikbüro an. Dort hörte ich: „Sie brauchen ein weißes Bettlaken, Kordel, Creme und Mehl. Eine Fackel können sie abends am Rathauseingang kaufen.“ 

Samstag packte ich mein Päckchen: Laken, Kordel, eine Flasche Nivea-Lotion-After-Sun, eine halbe Tüte Weizenmehl und rollte gegen 18 Uhr nach Blankenheim. Die Nacht versprach sternenklar, allerdings auch klirrend kalt zu werden. Ein Pullover zusätzlich und Handschuhe sollten als Frostschutz dienen. 

Reguläre Parkmöglichkeiten waren keine mehr auszumachen, eine Schlange von Autofahrern hatte sich auf den Bürgersteigen entlang der Weiheranlage formiert. Ich dockte an und stiefelte zum Rathaus. 1,50 Euro kostete eine Fackel samt Bierdeckel. Mit kalten Fingern ließ sich kein Loch für den dicken Stiel der Fackel in den Bierdeckel bohren. Meiner Geisternachbarin ging es ebenso. Auch sie pulte vergeblich und fluchte auf Schwäbisch. Zum ersten Mal an diesem Abend zeigte sich: Geister sind Meister der Improvisation und helfen sich. Der Schlüssel eines Geistes mit kölschem Akzent übernahm die Bohrarbeiten. 

Kunstvoll geknotet kamen die meisten Geister zum Schauplatz. Mir kam ein guter Geist zu Hilfe, dessen Namen ich mir fein säuberlich auf meinen Reporterblock kritzelte. Der erfahrene Geist faltete mein Laken der Länge nach und formte an der Mitte der Faltkante zwei Ausbuchtungen. Mit Kordel wurden die Geisterohren oder -hörnchen fixiert, das Laken an Hals und Taille festgezurrt. 

Für das „Geister-Make-up“ schmierte ich mir nach Vorschrift Creme ins Gesicht, öffnete die Mehltüte und pustete hinein. Fertig war der Geister-Kleister. 

Meinen Notizblock steckte ich in die hintere rechte Jeanstasche. Ein grober Fehler, wie sich später herausstellte. 

Herrlich anzusehen: die Blankenheimer Fastnachtsfiguren, allen voran der Obergeist auf seinem Pferd, diesmal Prinz Christoph I.; zudem Hexen, Jecke Böhnchen und die Geister in traditionsreichen Gewändern. 

Gegenseitig zündeten sich die Geister kurz nach 19 Uhr die Fackeln an. Es entstanden zwei Lager: einmal die Geister, die die Ahrstraße hinauf und hinunter sprangen und dann die Geister und Gäste, die den Zug vom Straßenrand aus genossen. Ich hakte mich in der Mitte des Zugs einfach irgendwo unter und wartete ab, was passierte. 

Nach kurzer Zeit war klar: Der Geistersprung war ein einfacher Hüpfer. Die Hüpfrichtung wechselte, ging mal nach rechts und mal nach links. Immer entgegengesetzt zum Vordermann. Aus den Lichterpunkten wurde ein Lichtermeer. Wie aus tausend und einer Nacht wirkten die bengalisch beleuchteten Blankenheimer Tore. 

Wer braucht schon Notizen?

 Doch auch die Akustik war atemberaubend. In regelmäßigem Turnus stimmte die Musikkapelle das Juh-Jah-Lied an: „Juh-Jah, Kribbel en dr Botz, wer datt nit hätt, d'r is nix notz.“ Entweder stimmten die Geister mit ein oder sie vertrieben mit grellen Schreien den Winter. 

Hinterm Georgstor wurde mir klar: Durch die Hüpferei war mir richtig lecker warm geworden. Ich war viel zu dick angezogen. Am Kreisel, dem Wendepunkt des Zuges, zog ich wenigstens die Handschuhe aus und stopfte sie in meine Hosentaschen. Dabei bemerkte ich: mein Block war weg. Meine Aufzeichnungen waren durch die Hüpferei aus der Tasche gerutscht und irgendwo im Straßenstaub verschwunden. Im übrigen, auch meine Geisterohren hingen auf meinen Schultern. 

Gemeinsam mit meinen beiden Nachbarinnen, Touristen aus Krefeld, suchte ich beim Zurückspringen die Straße ab, vergeblich. Wie durch ein Wunder sah ich unter all den vielen Geistern das Gesicht „meines“ guten Kostüm-Helfer-Geistes am Hirtentor wieder und erfragte erneut den Namen: „Irene Schramm“, schallte es mir lachend entgegen. 

Mein Block blieb wie von Geisterhand verschwunden. Nach und nach erloschen die Fackeln, die letzten Schreie rund um die Ahrquelle unterhalb der Grafenburg waren verklungen. Die Geister hatten es sich längst in den Restaurants und in der Weiherhalle gemütlich gemacht. 

Langsam fuhr ich gegen 20.45 Uhr die inzwischen menschenleere Ahrstraße hoch und suchte im Scheinwerferlicht nochmals nach den Aufzeichnungen. Kein Block mehr zu sehen. Nichts. Doch in meinem Kopf klang immer noch das Juh-Jah-Lied, und ich sah auf einmal wieder die freundlichen, gut verpackten Gestalten um mich herum springen und wusste: Nach solch einem wunderbaren Erlebnis, da brauch' ich gar keine Notizen. Die Erinnerung trug ich ganz woanders. 

      (KR)

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